Bilder aus vergangenen Tagen
Kriegsende in Taufkirchen (Vils)
Vor 75 Jahren ging der 2. Weltkrieg zu Ende. Was sich damals in der Gemeinde Taufkirchen (Vils) zugetragen hat, wurde vom Heimatforscher Josef Heilmeier nach umfangreichen Recherchen u.a. aus der Pfarrchronik in beeindruckender Weise in seinen Aufzeichnungen geschildert. Nachstehend hiervon einige Auszüge:
„Die Hektik auf den Straßen wird immer größer. Überall im Ort stehen Militärlastwagen herum und sind Soldaten einquartiert. Auf Anordnung des obersten Befehlshabers des „Heeres der Front“, Reichsminister Himmler, soll auch jedes Dorf vor dem eindringenden Feind verteidigt werden. So wird am 16. April an den Hauptverkehrsstraßen mit dem Bau von Panzersperren begonnen. Zu beiden Seiten der Brücken beim Pecht (Anmerkung: Landshuter Straße am Stephansbrünnlbach), beim Wagnerwirt, an der Bahnhofstraße sowie zwischen der Veldener Straße und Hilpolding und an der Kreuzstraße (Anmerkung: Erdinger Straße) werden beiderseits der Straße große Baumstämme eingegraben, in die im Bedarfsfall bereitliegende Stämme eingelegt werden sollen.
Die Furcht, dass die anrückenden Feinde den Ort unter Beschuss nehmen könnten, veranlasste viele Bürger ihr wertvolles Eigentum in umliegenden Einöden und Dörfern in Sicherheit zu bringen. Auch der Pfarrer ließ die wertvollen Heiligenfiguren des Hochaltars und die kostbaren Paramente am 14. April in Sicherheit bringen.
Pausenlos, hauptsächlich nachts, rollen mit Militär besetzte Fahrzeuge in Richtung Süden durch den Ort. Man merkte, dass die Front immer näher rückt.
Die Angriffsziele der feindlichen Flieger kommen immer näher. Am 16. April trifft es Landshut, am 18. April trifft es Erding. Sogar das Züglein von Dorfen nach Velden wird zum Ziel für Tiefflieger. Am 21. April abends wird es in Dorfen beschossen und am 24. April in Moosen. Als den unheimlichsten Tag bezeichnet Pfarrer Josef Gruber den 25. April. Den ganzen Tag über ziehen mehr als 100 Flieger in immer neuen Wellen über Taufkirchen in Richtung Norden. Sie kommen aus Richtung Erding, wo sie den Flughafen mit ihrer Bombenlast eindeckten oder aus Dorfen, wo sie den Bahnhof zum Ziel hatten. Das Krachen der Bomben und die Salven der Fliegerabwehrkanonen dröhnte mit Unterbrechungen mehr als eine halbe Stunde lang. Der Luftdruck erschütterte auch hier die Häuser wie noch nie.
Nachdem bekannt wurde, dass die immer mehr südwärts vordringenden Amerikaner solche Orte, in denen keine Panzersperren errichtet sind, unbeschädigt durchfahren, wurde die Panzersperre beim Pecht am 27. April von den Leuten des Volkssturms ausgegraben und beseitigt. Am Sonntag, den 29. April in der Frühe, wurde ihre Herstellung aufs Neue angeordnet. Alle die an der Beseitigung beteiligt waren, mussten an der Wiederherstellung mitarbeiten oder wurden verhaftet. Die SS Sturmscharen wollten eine Einnahme Taufkirchens mit aller Macht verhindern. Sie hatten sich in den Wäldern rund um den Ort und im Schlosspark mit ihren Geschützen verschanzt.
Die Anspannung erreichte am 30. April ihren Höhepunkt, als am Vormittag ein feindliches Flugzeug über dem Ort kreiste und Flugblätter mit folgendem Inhalt abwarf:
An den Bürgermeister:In wenigen Minuten kann Ihre Ortschaft in einen brennenden Trümmerhaufen verwandelt werden. Flugzeuge stehen bereit mit Bomben beladen, Panzerspitzen und Geschütze mit Phosphorgranaten sind auf ihre Ortschaft gerichtet. Hunderte von Städten und Dörfern sind dem Erdboden gleich gemacht worden, weil Fanatiker versuchten, den Widerstand fortzusetzen.Hunderte von anderen Städten und Dörfern sind der Zerstörung entgangen, weil ihre Behörden eingesehen haben, dass ihre Verteidigung keinen militärischen Wert hatte. Sie haben den Weg der Übergabe gewählt. Der Krieg kann für Ihre Ortschaft schnell vorüber sein. Die Entscheidung liegt in Ihrer Hand und Sie müssen sie in wenigen Minuten treffen. Sie haben die Wahl: Übergabe: Schonung Ihrer Ortschaft oder: Widerstand und Vernichtung. Wenn Sie Ihren Ort retten wollen müssen folgende Anweisungen sofort ausgeführt werden:
Gewissenlose Elemente können durch Abgeben von auch nur einigen Schüssen Ihre Bemühungen zunichte machen und die Zerstörung Ihres Ortes herbeiführen. Dieses Flugblatt ist sofort dem Bürgermeister zu übergeben. Anmerkung: Ein ähnlich lautendes Flugblatt wurde 1978 bei Erdarbeiten am Erdinger Gymnasium in einer sogenannten „Propagandabombe“ der Amerikaner gefunden. |
Gleichzeitig mit dem Abwurf dieses Flugblattes erschienen verstärkte Abteilungen der SS und erklärten, wer eine weiße Fahne hisse, werde sofort erschossen. Trotz dieser Drohung fasste Maria Huber, die Frau von Perry Huber, am selben Nachmittag Mut und bat den Mesner Alois Zieringer inständig, er möge sie doch auf den Kirchturm lassen, damit sie eine weiße Fahne ausbringen könne. Nach längerem Drängen gab der Mesner nach und sperrte ihr die Tür zum Turm auf.
Als Maria Huber die Stange mit der Fahne durch eine Maueröffnung schob, muss wohl etwas Dreck oder ein Taubennest nach unten gefallen sein und hatte die SS’ler auf den Vorgang aufmerksam gemacht. Schnell erstürmten sie den Turm und setzten Maria Huber die Pistole auf die Brust und drohten sie zu erschießen, wenn sie die Fahne nicht sofort einholen sollte. Anschließend führten sie die Frau in das Gasthaus zur Post, wo mehrere dort versammelte hochrangige SS-Führungskräfte über ihre standrechtliche Erschießung beschließen sollten. Nur der Fürsprache der Postwirtin Maria Rau sei es zu verdanken, dass die dreifache Mutter Maria Huber mit dem Leben davon kam, erzählte diese später.
Die SS-Leute, die den Befehl hatten, das Vilstal unter allen Umständen zu halten, hatten sich mit ihren Waffen im ganzen Ort verschanzt. Eine Stellung war auch im Schlosspark untergebracht. Im Schloss selbst hatten sie neben den vielen hilflosen Menschen auch noch ihre Rotkreuz-Station einquartiert. Für den nächsten Tag, den 1. Mai, war der Volkssturm beauftragt, noch zwei zusätzliche Panzersperren, nämlich beim Götzberger an der Erdinger Straße und beim Senftlwirt an der Landshuter Straße zu errichten. Bei leichtem Schneefall wird zwar noch mit den Arbeiten begonnen, aber gegen Mittag mussten die Volkssturmleute die Flucht ergreifen. Der Geschützlärm kam immer näher.
Von Erding und von Steinkirchen her rückten feindliche Panzer gegen Taufkirchen vor. Gegen zwei Uhr nachmittags konnte man die ersten Einschläge im Ort vernehmen. Beim Pecht hatte eine Panzergranate die westliche Wand durchschlagen, aber nicht gezündet. Eine weitere Granate schlug beim Götzberger ein und setzte das Haus in Brand. Fast gleichzeitig drangen die Panzer von der Erdinger Straße und von Eldering her gegen Taufkirchen vor. Durch das Maschinengewehrfeuer gingen an vielen Häusern die Fensterscheiben zu Bruch.

Die SS, welche sich mit ihrer Panzerabwehrkanone im Hierlgarten postiert hatten, zogen sich schleunigst in den Schlosspark zurück. Auch die Panzersperren konnten in der Eile nicht mehr geschlossen werden. Ohne größeren Widerstand konnten die Panzer durch den Ortskern rollen. Als sie jedoch gegen Velden weiterfahren wollten, gelang es der SS vom Schlosspark aus, noch zwei von ihnen abzuschießen. Beide Panzer gerieten nach rechts von der Fahrbahn ab und landeten im Straßengraben. Zwei Amerikaner sollen dabei verletzt worden sein. Zwei Deutsche, darunter ein 17-jähriger Schüler der Hitlerschule Sonthofen, fanden bei der Gegenwehr durch Kopfschuss den Tod.
Als die von Landshut her anrückenden Panzer vom Widerstand in Taufkirchen erfuhren, schwenkten sie bei Emling in breiter Front nach Osten und fuhren über Reckenbach, Großschaffhausen, Kleinschaffhausen in Richtung Hubenstein. Es wurden annähernd 500 Panzer gezählt. Von Hubenstein aus fuhr ein Teil der Panzer über Moosen nach Vieth, wo es zu einem heftigen Gefecht mit SS-Truppen kam. Die meisten, der aus Richtung Erding kommenden Panzer schwenkten in der Ortsmitte in Richtung Dorfen weiter.
Als sich auch noch amerikanische Flieger näherten, wurden sie vom Wald bei Ratzing aus von der SS beschossen. Die Flieger meldeten dies wohl der Artillerie, die darauf hin den Wald unter Beschuss nahm. Eine Granate schlug dabei beim Hofstätter in Ratzing ein und äscherte das ganze Anwesen ein. In der Nacht hörte man noch vereinzelt Schüsse, aber sonst war es gespenstig ruhig.
Am 2. Mai bei Tagesanbruch tauchten plötzlich bewaffnete amerikanische Soldaten zu Fuß auf und durchsuchten die Häuser nach SS-Angehörigen und Waffen.
Zu aller Überraschung taucht am 2. Mai sogar noch ein deutsches Flugzeug am Himmel auf. Es wird von den Amerikanern sofort unter Feuer genommen und getroffen. Die zwei Besatzungsmitglieder kamen beim Absturz östlich von Emling, bei den Torfhütten, ums Leben. Sie wurden einige Tage später von den Anliegern bei Emling beerdigt.
……….

Am 10. Mai, als es endlich wieder Strom gibt, hört man im Radio die Nachricht, dass am 7. Mai nachmittags in Reims und am 8. Mai in Berlin Deutschland bedingungslos kapitulierte. Damit hat der fast sechsjährige, schreckliche Krieg ein Ende gefunden.“
Quelle: Chronik von Josef Heilmeier,
Heimatkundliches Gemeindearchiv,
E-Mail: gemeindearchiv@tfk-aussenstelle.de
