HEISST VISIONEN HABEN AUCH IN SCHWIERIGEN ZEITEN
Der Mensch täte gerne in die Zukunft schauen. Garaus, wenn die Gegenwart ein bisserl fad ist. Da bräuchten wir allerdings momentan viel Visionen. Welche uns in der Tat fehlen, untervisioniert ist noch untertrieben.
Wenigstens am Barbaratag blüht uns eine farbenfrohe Zukunft. Der 4. Dezember ist einer der bekanntesten Brauchtumstage im Jahr. Da bringen wir Zweige von Obstbäumen ins Haus, auf dass sie zu Weihnachten erblühen mögen. Eine Erinnerung an die Legende, wonach sich Barbara selbst ein paar Kirschzweige ins Gefängnis geholt habe, welche dann an ihrem Todestag Blüten trugen.
Weniger heilig orakelte man mancherorts anhand der Blüten, wie das nächste Erntejahr wird, andernorts gaben Mädchen den Zweigen die Namen der Verehrten: Wer am ersten oder schönsten blühte – der sollte es sein! Einige vertrauen auf Barbara als Nothelferin: An ihrem Tag soll man sich die Lottozahlen erträumen können.
Ich war neulich in Rom, und natürlich haben wir uns durch alle heiligen Pforten schieben lassen, derer wir habhaft wurden. Es wird nicht viel bringen fürs ewige Leben – aber wenn doch?
Sicher ist sicher! Denken leider auch die anderen Zehntausend. So erhoffen wir uns dauernd vom Sakralen einen positiven Abglanz auf unsereins. Wenn‘s die richtigen Lottozahlen sind, noch besser.
Dabei übersehen wir, dass der Lottosechser vielleicht gar nicht das Erstrebenswerte im Leben ist. Und wir übersehen, dass das wahre Heilige nicht in Rom ist, sondern um uns herum: all die Mitmenschen, die ungesehen und ungefragt heilsam und heilend wirken. Das kann oft schon ein freundliches Wort sein, ein Lächeln. Gelegentlich darf man sich selber in den Heiligen- und Nothelferkreis aufnehmen.
Die Visionen, die wir bräuchten, um ein bisserl fröhlicher zu werden auf der akkurat scheinbar recht faden Welt, finden wir bei den Vorbildern vieler (nicht aller) Heiligen, wir finden sie bei unseren Mitmenschen – einige formieren z. B. gerade ihre Listen für die Gemeinderatswahlen, da glaubt man ja auch an die Sinnhaftigkeit (s)eines Engagements für die Zukunft. Und wir finden sie in den Barbarazweigen: die blühen, auch wenn’s draußen schneit. _Markus Tremmel
