EINST EINE ZELLE DES GLÜCKS …

HEUTE EIN SCHRANK VOLLER LESEWELTEN: DIE TELEFON(BUCH)ZELLE

Initiatorin Helga Mühlenbeck vor dem offenen Bücherschrank am Marktplatz


Wenn ich die Wahl hätte zwischen Wählen und Tippen – ich würde wieder Wählen wählen! Fortschritt hin oder her: Das Mobiltelefon hat uns ja nicht mobiler gemacht, sondern mobil erreichbar. Und die bluats (Ver-)Tipperei sorgt bloß für „Cefix!“ und gestörte Gehirnzellen. Dann lieber Telefonzelle!

Die gibt’s halt nimmer. Und scho klar: Wenn alle anderen schneller erreichbar sind, bist Du mit dem Wählscheibentelegraphen halt der Depp. Aber Fortschritt ist oft ein trügerischer Gewinn.

Ganz weg sind sie dennoch nicht, die Telefonzellen! In Taufkirchen (Vils) steht eine am Marktplatz, nach Sanierung der Örtlichkeit ist sie nun wieder zugänglich. Statt nur eines dicken Telefonbuches sind darinnen viele unterschiedliche Bücher. Eröffnet 2019 auf Initiative von Helga Mühlenbeck (Seniorenbeirat) und anderen, ist es ein sog. Offener Bücherschrank. Dafür gibts ja in Deutschland sogar einen extra Tag: den 15. November. Das ist heuer akkrat der Volkstrauertag. Die gute alte Telefonzelle war gelb seit 1951, magenta-grau seit den 1990ern und aschegrau verblich sie vor knapp zehn Jahren.

Ein offener Bücherschrank in einer ehemaligen Telefonzelle jedenfalls hat folgenden Sinn: Wer ein Buch verschenken möchte, stellt es dort ein, wer eins davon lesen möchte, nimmt es mit. Falsch verbunden wäre man allerdings, wenn man, wie auch schon beobachtet, den Schrank ganz ausräumt, um die Bücher – was weiß ich – zu verheizen (Ölpreis!) oder im Internet antiquarisch weiterzuverkaufen. Leseratte einmal anders buchstabiert …

Demnächst wird, unter Anleitung von Helga Mühlenbeck, auch im Atrium der Tagespflege ein Bücherschrank eingerichtet. Wer Bücher übrig hat, bitte gerne im Rathaus abgeben. Muss ja nicht gerade eins sein mit einem Titel wie „Erfolgreich durch die Pubertät“. Das haben wir hinter uns wie die Telefonzelle – und vermissen sie. Vielleicht. Gewiss ist: Das greifbare Buch lebt länger als die Wählscheibe. Denn auch wenn alles gen „E“ geht in diesen Zeiten: ein echtes Buch in der Hand zu halten, ist immer noch ein Erlebnis! Erlebnis statt E-book, intelligente Lebenskunst, statt künstlicher Intelligenz, telefonieren statt tippen, Kompass & Karte statt Navi! Kostenlose Ferngespräche statt teure Ortsgespräche. Ähm, des is iatz mit Whatsapp & Co. dann scho wieder irgendwie praktisch… _Markus Tremmel